Kinder, Kinder

Freitag, 28. September 2012

 

 Heute war es relativ ruhig in der Creche, nur 12 Kinder und 2 Babys. Das liegt daran, dass es Freitag ist und dann auch noch vor den Ferien. Außerdem ist freitags immer früher Schluss, deswegen bin ich jetzt, um kurz vor zwei schon daheim. Auch angenehm war, dass es kühl war, weil es in der Nacht viel geregnet hatte und die Temperatur bei ca. 20°C liegt. Also wirklich kalt ist das nicht, aber schön als Abwechslung zu Hitze. Ich bin trotzdem froh, dass jetzt Ferien sind und ich ein bisschen Ruhe bekommen kann. Also hoffe ich halt, ich weiß ja nicht, was die Familie geplant hat.

 

 

Hier ein paar detailliertere Berichte über ein paar Kinder, die auch auf den Bildern zu sehen sind. Fangen wir mit Siyanda an: 11 Monate alt, schöne Zähne, süßes Mädchen eigentlich, aber sie ist fett. Und das ist jetzt nicht böse gemeint oder abwertend, sondern es beschreibt einfach den Zustand ihres Körpers! Das Problem dabei ist, dass ihr Gewicht verhindert, dass sie Krabbeln und Laufen lernt. Sie kann nichts davon. Setzt man sie auf den Boden, in der Hoffnung, dass sie mal anfängt sich ein bisschen zu bewegen in Richtung der Spielsachen, die man in kleinem Abstand zu ihr hingelegt hat, dann streckt sie sich ein wenig, aber gibt dann auf und fängt an zu weinen. Klar hat sie es schwerer als andere Kinder, weil wenn sie erst mal sitzt, dann bilden ihre Oberschenkel und der Hintern eine sehr solide Basis, die sich nicht so leicht umstürzen lässt. Ich habe mir als Ziel gesetzt, dass ich sie dazu bringe sich zu bewegen, weil alt genug ist sie und dann geht vielleicht auch der allzu reichhaltige Babyspeck mal verloren.

 

Luyanda ist, schätze ich mal, so 4-5 Monate alt. Seine Haare sind noch weich, obwohl sie trotzdem schon kraus sind wie alle afrikanischen Haare. Er ist ein echt süßer Kerl, der eigentlich nicht so viel weint, nur diese Woche war er ein wenig unleidlich, was vielleicht auch daran liegt, dass in seinem Unterkiefer die ersten Zähnchen sprießen. Und was anderes zeichnet ihn noch aus: seine Beule am Bauch. Am Nabel und ein wenig oberhalb davon steht eine Beule aus seinem Bauch heraus, ungefähr Eiergroß. Aber es ist kein Geschwülst oder so, weil es fühlt sich ganz normal wie Bauch an, bloß eben in einer seltsamen Form. Ich hab die Leiterin gefragt, und sie meinte, das da bei der Geburt beim Nabelschnurabzwicken etwas schief gegangen ist und dann Luft in die Bauchhöhle gekommen ist und deswegen der Bauch ausgebeult wird. Sieht ein wenig gruselig aus, aber wenn man sich dran gewöhnt, dann machts nichts aus. Er schnalzt bzw. klickt echt gerne, wenn er glücklich ist, und wenn ich dann zurück schnalze, wackelt er grinsend mit seinen Armen :).

 

Das Kücken im Stall ist Esihle, 3 Monate alt. Eigentlich liegt sie den ganzen Tag nur in einem Extrazimmer rum und schläft, bzw. wacht zum Gefüttert werden wieder auf. So war das zumindestens bis letzte Woche. Jetzt soll sie anfangen, sich an die anderen Kinder zu gewöhnen, und wird mit den anderen Babys auf das Bett gelegt. Auch da schläft sie sehr viel, aber wacht schneller auf und weint dadurch mehr. Dann nehme ich sie auf den Arm, oder auf meine Knie und spiel ein wenig mit ihr, bis sie ihr zahnloses Grinsen mit Glucksern vermischt. Sie ist im Gegensatz zu den beiden vorherigen Babys nicht jeden Tag in der Creche.

 

Seit letzten Montag ist ein neues Kind in der Creche, seinen Namen und sein Alter weiß ich nicht, aber ich schätze mal auf so 1 ½ Jahre. Ich nenne ihn für mich „Jim“, weil er mich an Jim Knopf von der Augsburger Puppenkiste erinnert. Er weint den ganzen Tag. Und schläft zwar auch mal, aber nicht sehr lange. Er kommt aus einer sehr armen Familie, das sieht man auch daran, dass seine Flasche mit Milch oben offen, also der Sauger durchgebissen ist. Das erschwert das Trinken für ihn zwar nicht, weil er daran gewöhnt ist, aber wenn die Flasche dann mal runterfällt, ist es halt eine Sauerei. Er tut mir immer Leid, wenn er mit seinem von Tränen und Rotz verschmierten Gesicht rumläuft und den Mund zum Weinen weit aufreißt, aber ich kann nichts tun, denn auch Halten bringt nur kurzzeitige Besserung. Dann fängt er wieder das Schreien an. Aber ich denke mal, dass er sich noch an den Kindergarten gewöhnt. Irgendwann. Und bis dahin müssen die Nerven eben gestählt bleiben.

 

Ayabonga (5) und Okuhle (4) sind Schwestern und beide singen für ihr Leben gerne. Sie toben zwar auch mal rum, aber nicht so schlimm wie Masund (5), die ich in einem früheren Bericht mal mit Luisa verglichen habe. Mittlerweile muss ich das revideren, denn Lusi gleicht eher Ayabonga, die sich sehr gerne um die Babys kümmert, mit ihnen spielt, sie auf den Arm nimmt oder mit der Flasche füttert. Auch wirkt sie vergleichsweise vernünftig. Das ist ein Grund, warum ich sie mag, weil sie auch auf mich hört und nicht einfach weitermacht. Und sie tatscht mich auch nicht ununterbrochen an. Da gibt es ein paar Jungs, so 3 oder 4 Jahre alt, und die sind einfach furchtbar. Es ist echt schwer, da dann nicht „Lieblingskinder“ und „Nervkinder“ zu bekommen, also jetzt mal extrem ausgedrückt.

 

Ich hab heute viel mitgesungen, weil langsam gehen die Texte ins Ohr, also die englischen leichter, aber auch das eine oder andere Zululied kann ich beinahe mitsingen, auch wenn ich dann nicht wirklich weiß, was genau ich da gerade singe. So ungefähr bekommt man das immer aus den Bewegungen heraus. Und Worte wie „Jehova“ oder „Jesu“ verstehe ich. Dann kommt noch dazu, dass viele Zululieder auf Englisch wiederholt werden.

 

Heute aus einem Bewegungsdrang heraus, hab ich angefangen auf der Stelle zu gehen und die Kinder sind eingestiegen, dann hab ich so Sachen wie klatschen und hüpfen miteingebunden und wir haben uns ein bisschen bewegt, war echt witzig, und bestimmt auch nicht schlecht, weil da das Wetter nicht so gut war, hatten die Kinder auch nicht wirklich Auspowermöglichkeiten und noch dazu hab ich mich auch bewegt. Nicht, dass ich als Tonne wieder komme :P. Aber die haben das echt gerne gemacht, ich überlege mir einfach ein paar Sachen und dann mach ich das nochmal, nach den Ferien.

 

Ein ganz typisches und traditionelles südafrikanisches Lebensmittel ist der Butternut-Kürbis. Den gibt es zum Reis, Putu, was auch immer dazu oder er wird gekocht, zermatscht und dann mit Maismehl verrührt, das ist dann ganz traditionelles Zuluessen. Gekocht schmeckt er aber ungelogen nach Karottenbabybrei. Dafür ist er aber gut zum „Ablöschen“ von scharfen Soßen oder Eintöpfen. Vermutlich wird er deshalb auch gerne dazu gegessen. Neben Spinat und Roter Bete. Kartoffeln und Nudeln werden hier nicht gegessen, außer als Ausnahme.

 

Gerade regnet und gewittert es. Das macht die Luft schön, aber es ist auch echt laut, wenn der Regen auf das Wellblechdach prasselt, wobei ich noch das leiseste Zimmer im Haus habe, weil bei mir eine Zwischendecke eingezogen ist. Beängstigend ist es auch irgendwie. Aber vermutlich stelle ich mich einfach nur an, weil wirkliche Gefahr droht hier nicht, dazu sind die Häuser viel zu niedrig, als dass ein Blitz einschlagen würde. Und für Schlammlawinen sind zu viele Häuser und zu wenig Gefälle da. Ich bemitleide jetzt nur die Menschen, die in gestückelten Wellblechhäusern oder, noch schlimmer, den Lehmklumpenhütten wohnen. Weil Lehm wird von Wasser aufgelöst. Und tatsächlich sieht man auch immer mal wieder Hütten, die ein Loch in der Wand haben. Es sind Gerüste aus Stöcken, zwischen denen dann die Lehmklumpen gestapelt sind. Und das muss dann nicht mal in einem Slum sein, von denen es hier auch welche gibt, sondern die stehen auch in ganz normalen Siedlungen. Zum Beispiel, wenn ich aus der Haustür gucke, sehe ich ein paar Gärten und ärmliche Hütten, unter denen auch welche aus Lehmklumpen dabei sind.

 

Also hier wird dann echt klar, was Armut bedeuten kann. Und in Deutschland haben alle, die ein Dach über dem Kopf haben es besser als eine große Anzahl von Südafrikaner. So etwas wie Sozialhilfe vom Staat kennt man nicht. Wer nichts hat, hat auch wirklich nichts. Ich mein, ich wohne bei einer Familie, die ganz gut situiert ist, aber deren Lebensstandard in Deutschland für viele Hartz-IV- Empfänger einen Abstieg bedeuten würde. Klar gibt es auch Familien mit 3 Autos und Unmengen an Flatscreen und so weiter, aber die sind hier eher selten. Mir macht es nichts aus, ich komme hier ganz gut zurecht. Und schließlich habe ich es auch warm und trocken. Und meinen Laptop und mein Handy :). Und Internet!!

 

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